Kreta - Die Welt ist ein Dorf

von Manfred Arth-Bunk

Auf einem Hügel abseits der Nordküste Kretas hat ein Architekt ein kleines Dorf in ein Hotel verwandelt. Entstanden ist ein Ort der Ruhe, wo dem Olivenöl gehuldigt wird.

Als Myron Toupoyannis zum ersten Mal in Kapsaliana war, im Sommer 1978, ahnte er nicht, dass sich in diesem Nest seine Zukunft abspielen würde. Wie jedes Jahr verbrachte der seinerzeit in Paris ansässige Architekt einige Wochen auf seiner Heimatinsel Kreta, wo das Mittelmeer in Sichtweite war und der Wind auch im August die Gedanken fliegen ließ. "Ich zeige dir das Dorf meiner Großeltern, Myron", hatte ein Freund gesagt. Also fuhren sie ins hügelige Hinterland von Rethymnon, mitten hinein in den größten Olivenhain der Insel. Toupoyannis inspizierte die alten Steinhäuser von Kapsaliana, die sich der Natur mit jedem Tag mehr ergaben. Fasziniert sah er die überwucherten Kamine, verwitterte Futtertröge, nacktes, zerfressenes Gebälk. Relikte des einstigen Dorflebens, schön noch im Verfall. Der damals Dreißigjährige beschloss, eine der Ruinen zu kaufen und zu restaurieren. Ein Sommerhaus für die Familie, das wäre schön. An mehr dachte er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Myron Toupoyannis, weißes, volles Haar, steigt die Stufen von der Terrasse hinab, die sein Privathaus mit dem Kapsaliana Village Hotel verbinden. 40 Jahre sind vergangen, Toupoyannis ist mittlerweile 69, und aus dem Dorf ist längst sein Lebenswerk geworden. Eine Reihe von Steinhäusern, eine Kapelle, ein Portal mit Rundbogen, ein Restaurant, Gemüse- und Kräutergarten, Massageraum und Swimmingpool. Dazwischen Orangen- und Zitronenbäume, Lavendel, Oleander und Bougainvilleen. "Je mehr ich mich mit Kapsaliana beschäftigte", sagt Toupoyannis, "desto dringlicher wollte ich die Geschichte dieses Ortes bewahren."
Von jeher lebten die Menschen der Gegend vom Olivenöl, das nicht nur in der kretischen Küche unverzichtbar ist. Bis heute werden die Neugeborenen damit benetzt und die Lichter in den Kirchen davon genährt. 1763 ließ das nah gelegene Kloster Arkadi hier eine Olivenölmühle errichten.
Arbeiter ließen sich nieder, um 1800 lebten 13 Familien im Dorf. 1955 gaben die Mönche die Mühle auf. Die kleine Fabrik wurde stillgelegt, die jungen Leute zogen weg, die alten starben. Kapsaliana wäre vollständig verfallen, hätte Myron Toupoyannis nicht irgendwann eine tollkühne Idee gehabt: Man müsste Kapsaliana als Ganzes wiederaufbauen und zum Hotel erweitern, die Ruhe des Ortes und seine Tradition für Menschen aus aller Welt erfahrbar machen.
Von Kati Thielitz
 

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